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Tw 655 am Hauptbahnhof - Foto: Sammlung SHB-Archiv

Triebwagen 655 mit zwei Beiwagen in den 50er Jahren am Hauptbahnhof.

Tw 667 im Jahre 1955 - Foto: Sammlung SHB-Archiv

Der Zug der Linie 6 fhrt in die heutige Haltestelle Riedsee ein.

Angesichts steigender Fahrgastzahlen und im Vorgriff auf die fr 1939 in Stuttgart geplante Reichsgartenschau genehmigte die Generalversammlung der Stuttgarter Straenbahnen AG (SSB) im Jahr 1937 die Beschaffung von 20 neuen zweiachsigen Triebwagen. Bei diesen sollten die Wagenksten erstmals bei einer greren Fahrzeugserie fr die SSB in Stahlbauweise ausgefhrt werden; zuvor waren lediglich Versuchsfahrzeuge in dieser Bauweise beschafft worden, nmlich zwei Beiwagen (1936) und ein Zahnradbahntriebwagen (1937). Alle anderen SSB-Fahrzeuge dieser Zeit wiesen hlzerne Aufbauten auf, die lediglich teilweise mit Blech verkleidet waren.

Die zu dieser Zeit im Deutschen Reich laufenden Normierungsbestrebungen fr Straenbahnfahrzeuge blieben auch fr die "Gartenschauwagen" nicht ohne Einfluss. Lediglich die Grundabmessungen (Achsstand und Wagenkastenmae) waren durch die Gestaltung der Gleisanlagen im Wesentlichen vorgegeben und entsprachen den Maen der 1926-1930 beschafften Reihe 200. In zahlreichen konstruktiven Details lieen die neuen Triebwagen jedoch schon Gestaltungselemente des spteren "Einheitswagens" erkennen. Wesentlich war die Anwendung der Leichtbauweise, die gegenber den ursprnglichen Planungen eine Einsparung von 2,5 t Stahl je Wagen ermglichte. Da Stahl zu jener Zeit aufgrund der kriegsvorbereitenden Aufrstung bereits als "kriegswichtiger Werkstoff" galt und entsprechend kontingentiert war, lag hier der Schlssel fr die notwendige Genehmigung verschiedener Reichsmter zur Beschaffung der Fahrzeuge. Auf diese Weise flossen nicht nur neuzeitliche Konstruktionsprinzipien in die Triebwagen ein, sondern die ursprngliche Bestellung konnte mit dem gleichen Stahlkontingent um vier Fahrzeuge erweitert werden, was umgehend geschah.

Im ersten Quartal 1939 trafen die neuen Fahrzeuge ein und standen pnktlich zur Erffnung der Reichsgartenschau im April zur Verfgung. 10 Triebwagen (Nr. 701-710) waren von der Waggonfabrik Uerdingen mit elektrischer Ausrstung der AEG hergestellt worden, whrend die brigen 14 Fahrzeuge (Nr. 711-724) vom damaligen "Hauslieferanten" der SSB, der Maschinenfabrik Esslingen stammten. Bei den Wagen 711-713 hatte ebenfalls die AEG die elektrische Ausrstung geliefert, whrend sie bei den Wagen 714-724 von der Siemens-Schuckert-Werke AG gekommen war. Die wesentlichen Komponenten der elektrischen Ausrstung, wie Motoren und Fahrschalter, konnten unabhngig vom Hersteller freizgig untereinander getauscht werden, auch dies ein Effekt der Vereinheitlichungsbestrebungen.

 

Die Fahrzeuge wiesen einige bemerkenswerte Neuerungen und Eigenheiten auf. Dem Fahrgast boten die 22 gepolsterten Ledersitze bis dahin gegenber den Holzbnken der lteren Fahrzeuge nicht gekannten Komfort. Die Fahrer konnten ihren Dienst erstmals sitzend ausben; die Sitze waren allerdings so gestaltet, dass eine Bedienung des Wagens im Stehen ebenfalls mglich blieb. Neu waren auch die Teleskopschiebetren an allen vier Einstiegen, die nicht zuletzt Fahrer und Schaffner besser vor Klte und Zugluft schtzten als die bisherigen Umsetz- oder Falttren, die in der Regel im Einsatz geffnet blieben. Des Weiteren erhielten die Triebwagen statt der bis dahin blichen Spindelhandbremsen neuartige hydraulische ldruckbremsen, die von beiden Plattformen aus bedient werden konnten und so Umsetz- und Rangiermanver wesentlich vereinfachten.

Aufgrund der starken Motorisierung (2 Gleichstrom-Reihenschlussmotoren mit je 67 kW) und der sehr wirksamen Bremsanlagen setzte man die zulssige Hchstgeschwindigkeit der Wagen auf 45 km/h fest, womit die Gartenschauwagen damals als schnellste Fahrzeuge der SSB galten.

Aufgrund der Leichtbauweise betrug das Leergewicht der Wagen nur 12,5 t - zu wenig, um einen groen oder zwei leichte Beiwagen ber die zahlreichen Steilstrecken der Stuttgarter Straenbahn zu ziehen. Daher wurden die Wagen zur Erhhung des Reibungsgewichts mit Ballast beschwert, zunchst mit Betonsteinen, dann mit Stahlplatten, die allerdings 1944 als "kriegswichtiges Material" ausgebaut und durch Betonplatten ersetzt werden mussten. Nach dem Krieg erhielten die Wagen wieder Stahlballast.

 

Anfnglich befuhren die Wagen vorwiegend die Linie 10 (Sillenbuch - Hauptbahnhof - Killesberg) zum Gelnde der Reichsgartenschau. Sofort nach Kriegsbeginn wurden sie allerdings auf die Linien 25 (Schlossplatz - Schlachthof - Untertrkheim - Obertrkheim), 26 (Schlossplatz - Schlachthof - Wangen - Hedelfingen - Obertrkheim) und 4 (Hlderlinplatz - Charlottenplatz - Ostendplatz - Gaisburg) umgesetzt; ab 1940 entfiel die Linie 25 und die Linie 4 wurde bis Obertrkheim verlngert.

Im Jahre 1942 wurden die Wagen auf die "Neue-Weinsteige-Linien" 5 (Zuffenhausen - Schlossplatz - Degerloch - Mhringen) und 16 (Feuerbach - Schlossplatz - Degerloch) umgesetzt, um hier die Fahrzeiten verkrzen zu knnen. Hier konnten sie ihre Vorteile trotz der Behngung mit zwei leichten Beiwagen voll ausspielen. Die 17 nach Kriegsende noch vorhandenen Wagen blieben hier auch nach 1945 zu Hause und "berlebten" auch die Umbenennung der Linie 16 in Linie 6 im Mai 1954.

Generationenwechsel - Foto: Mario Nowotny

Durch das Eintreffen der neuen Gelenktriebwagen wurden die Gsw arbeitslos.

Warten auf den Einsatz - Foto: Wolfgang Pietsch

Letzte Station fr einige Wagen war der Bahnhof Mhringen.

Alles Geschichte - Foto: Mario Nowotny

Die Wagen auf diesem Bild sind genauso Geschichte wie das Gebude dahinter.

Erst mit der Inbetriebnahme der neuen GT4-Gelenktriebwagen ab Mitte 1959 begann der Rckzug, zunchst von der Linie 6 und bis Frhjahr 1960 auch von der Linie 5. Neue Aufgaben fanden sich vor allem auf den Berufsverkehrslinien 16 (Giebel - Nordbahnhof - Schlossplatz - Degerloch), ab 1961 auch auf der Linie 17 (Feuerbach - Schlossplatz - Leipziger Platz). 1964 war es damit schon wieder vorbei, nun waren es die Linien 7 (Bopser - Wilhelmsbau - Doggenburg) und 31 (Hohenheim - Mhringen - Vaihingen), auf denen die Gartenschauwagen regelmig zu sehen waren. Die nun 25 Jahre alten Fahrzeuge erreichten aber so langsam das Ende ihrer Nutzungsdauer, was sich an der Abschiebung in immer untergeordnetere Dienste erkennen lie. Ab 1966 kam mit der Verstrkungslinie 12 (Heslach - Schlossplatz - Berg - Hallschlag) noch einmal ein greres neues Einsatzgebiet hinzu, mit deren Umstellung auf Omnibusbetrieb im Mai 1969 allerdings auch das Ende fr die ersten Gartenschauwagen kam. Die verbleibenden Fahrzeuge standen noch bis 1970/71 fr vereinzelte Dienste als Einsetzwagen oder als Rangiertriebwagen in verschiedenen Betriebshfen zur Verfgung. Die letzten Exemplare wurden 1974/75 verschrottet, lediglich zwei Wagen berlebten die Zeitlufe. Tw 851 (ehemals 702) wurde im letzten Betriebszustand bewahrt und steht seit 1976 als fahrbereiter Museumswagen der SSB zur Verfgung. Tw 859 (ehemals 714) gelangte 1972 an das "Deutsche Straenbahnmuseum" in Wehmingen bei Hannover und kehrte nach jahrzehntelanger Freiabstellung im Jahre 2003 nach Stuttgart zurck.

2003 Tw 859 kehrt heim - Foto: Jrgen Daur

Nur noch wenige Zentimeter dann steht er wieder auf Stuttgarter Schienen.

Der Vergleich - Foto: Ralph Hlscher

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